Bei niedrigen Feldstärken und daher kleinen Elektronenenergien wird aufgrund
der starken ionischen Bindung in Siliziumdioxid von polar-optischen Phononen ein
starker dissipativer Mechanismus in Gang gesetzt, sodaß freie Elektronen die
Energie des Feldes an das Gitter abgeben. Zwei Moden [97] tragen zu
einer Stabilisierung des Ladungstransports bei. Dabei absorbiert das Gitter
entweder eine Energie von oder aber im zweiten
Schwingungsmodus
. Falls jedoch die Geschwindigkeit
der Ladungsträger aufgrund höherer Felder weiterhin ansteigt, kann das Gitter
der Bewegung der Elektronen nicht länger folgen. Die Rate, mit welcher die
Elektronen nun das Gitter polarisieren, nimmt ab. Elektronen nehmen also ab
einem elektrischen Feld von ungefähr
mehr Energie auf, als sie an das
Gitter abgeben können.
Alle Experimente zur Messung der Elektronenenergie bei hohen Feldstärken zeigen aber, daß die mittlere Elektronenenergie wesentlich höher als die Energie der polaren, longitudinalen optischen Phononen ist. Ein zweiter wichtiger Streuprozeß muß also stattfinden [74][108][110]. Akustische Phononen sind bereits für den Hochenergietransport von Alkalihalogeniden vorgeschlagen worden. Da Stoßionisation aufgrund der Differenz zwischen Valenz- und Leitfähigkeitsband erst bei sehr hohen Energien einsetzt, stabilisiert diese Wechselwirkung der Elektronen mit dem Gitter die Energieverteilung und verhindert einen dielektrischen Zusammenbruch (polar runaway). In Abbildung 3.12 sind die Streuraten des Vierbandmodells mit einem parabolischen als auch einem nichtparabolischen Einbandmodell verglichen. Im niedrigen Energiebereich ist die Streurate fast ausschließlich aus der Streurate der beiden polar-optischen Moden zusammengesetzt.
Akustische Deformationspotentialstreuung kann nahezu vernachlässigt
werden. Aufgrund der starken Energieabhängigkeit der nichtpolaren akustischen
Phononenstreuung (U-Prozesse) steigt die Streuwahrscheinlichkeit sehr stark
an. Für ein nichtparabolisches Band erkennt man deutlich im Gegensatz zu einem
parabolischen Band die Tendenz zu starkem Anwachsen. Beim Vierbandmodell nimmt
die Streurate wegen des löcherähnlichen zweiten Bandes wieder ab. Die
einzelnen Beiträge der Prozesse sind ebenfalls in Abbildung 3.13
eingezeichnet. Ab einer Energie von wird die totale Streurate von den
akustischen Phononen dominiert. Die Unstetigkeiten an den Spitzen sind aufgrund
der Einschränkung auf Innertalstreuung bedingt. Nichtpolare optische Phononen
sind nahezu unbedeutend und tragen nur zur Zwischentalstreuung und somit zur
Besetzung der höheren Bänder bei.
Das akustische Deformationspotential ist für die Normal- und Umklappprozesse
gleich [110] bei nichtparabolischem Band und
bei einem
parabolischen Band. Zwischen
, also der Hälfte des ersten Bandes, und
ist die Streurate linear interpoliert [109]. Für die
polar-optischen Phononen wird jeweils die effektive Elektronenmasse verwendet,
im dritten und vierten Band ist dieser Prozeß unterdrückt. Die optische
Zwischentalstreuung hat ein Potential
von
[107]. In Tabelle 3.3 ist die Besetzung der einzelnen Bänder
gegeben. Bis zu einer Feldstärke von ungefähr
wird der Transport fast
ausschließlich vom ersten Band bestimmt, erst danach trägt das zweite Band zum
Elektronentransport bei. Das dritte und vierte Band haben bei allen Feldstärken
nur einen geringen Einfluß und können bis zu elektrischen Feldern von
ungefähr
vernachlässigt werden. Jedoch ist zu berücksichtigen, daß
mit einer höheren optischen Deformationspotentialstreuung auch die Besetzung
der höheren Bänder zunimmt. Für Anwendungen im Transistorbereich, bei denen
maximal Feldstärken bis zu
auftreten, ist es ausreichend, ein
einzelnes nichtparabolisches Band zu verwenden.
Zur Bestimmung der mittleren Geschwindigkeit und der Energie sind drei verschiedene experimentelle Meßmethoden verwendet worden. Das sogenannte Elektroluminiszenzverfahren ermöglicht eine indirekte Bestimmung der mittleren Elektronenenergie an der Grenzfläche Siliziumdioxid-Metallelektrode. Die Elektronen verursachen eine Plasmonemission im Metall und die Kopplung von Photonen und Plasmonen bedingt eine verstärkte Luminiszenz. Dieses Photonenspektrum wiederum läßt Rückschlüsse auf die Energie zu, die die Elektronen bei Eintritt in die Gate-Elektrode haben [121]. Die zweite experimentelle Technik, die Ladungsträgerseparation [127], erlaubt eine indirekte Messung der Elektronenenergie, die bei hohen elektrischen Feldstärken von der Gate-Elektrode ins Silizium beschleunigt werden. Da diese Ladungsträger im Siliziumsubstrat sehr hohe Energien aufweisen, werden dort verstärkt Elektron-Lochpaare erzeugt. Löcher und Elektronen können unabhängig voneinander gezählt werden, indem man den Source- und/oder Drainstrom eines MOS-Transistors mißt. Je heißer die Elektronen sind, desto mehr Paare werden generiert. Wenn nun das Verhältnis der Ladungsträger bestimmt wird, kann diejenige mittlere Elektronenenergie ermittelt werden, die die Elektronen beim Verlassen des Oxids haben. Bei der Vakuumemission kann direkt auf die mittlere Energie als auch auf die Energieverteilung der Elektronen geschlossen werden. Dabei werden die Elektronen vom Substrat injiziert, gelangen zur Gate-Elektrode und werden in einer Vakuumkammer analysiert [128].
In Abbildung 3.14 ist die Driftgeschwindigkeit als Funktion des
elektrischen Feldes bei Raumtemperatur dargestellt. Die experimentellen Daten
sind dem Vakuumemissionsverfahren entnommen [110]. Die
Geschwindigkeit wächst solange an, bis die nichtpolaren akustischen Phononen,
die eine Streuung um große Winkel bevorzugen, eine starke Umverteilung der
Impulskomponenten gewährleisten. Vergleich der verschiedenen theoretischen
Berechnungen ergibt, daß die beiden parabolischen Einbandmodelle eine
Abweichung aufweisen, die auf die effektive Masse in Siliziumdioxid
zurückzuführen ist. Obwohl in [110] die Tatsache bekannt ist, daß die
effektive Masse des ersten Leitfähigkeitsbandes in Siliziumdioxid
beträgt, wird diese gleich der Elektronenmasse angenommen. Aufgrund von
quantenmechanischen Korrekturen der Streurate zeigt sich eine konstante
Driftgeschwindigkeit bei hohen Feldern. Das nichtparabolische und das
Vierbandmodell ergeben niedrigere mittlere Geschwindigkeiten bei schwachen
Feldstärken und liegen näher bei den experimentellen Daten. Aufgrund der stark
ansteigenden Streurate eines nichtparabolischen Bandes flacht die
Geschwindigkeit bei
nicht ab. Die Elektronenbeweglichkeit hat bei
niedrigen Feldstärken den von Hughes [102] vorhergesagten Wert von
und fällt danach in exponentieller Darstellung nahezu linear ab.
In Abbildung 3.15 ist die Elektronenenergie eingezeichnet und mit
experimentellen Messungen verglichen. Die Übereinstimmung mit den Daten des
Vakuumemissionsexperiments ist für ein Feld zwischen
und
ausgezeichnet. Ebenso sind Energiewerte des Ladungsträgerseparationsexperiments
in einem Bereich von
bis
nahezu identisch. Das späte
Ansteigen der Energiedaten wird in [127] wegen eines eingeschränkten
Meßbereichs erklärt. Die Daten, die mit dem ältesten Verfahren, der
Elektroluminiszenz, ermittelt worden sind, liegen unter den theoretischen
Berechnungen. Bei den Simulationen ist das Anwachsen der Elektronenenergie bei
verschiedenen Feldstärken festzustellen. Eine Erklärung hierfür liefert die
unterschiedliche effektive Masse. Mit einem parabolischen Einbandmodell und
einer effektiven Masse von
kann eine Stabilisierung der Energie nur
dann erreicht werden, falls der Faktor
im Gegensatz zu einem
nichtparabolischen Band von
auf
erhöht wird.
Die Thermalisierungslänge wird als diejenige Länge definiert, die ein Elektron
benötigt, um seine Durchschnittsenergie anzunehmen. Diese Länge ist sowohl
von der Feldstärke als auch der injizierten Elektronenenergie
abhängig. Bei niedrigen Injektionsenergien schwankt dieser Bereich zwischen
für niedrige Feldstärken und
für hohe Feldstärken. Die linke
Abbildung 3.16 gibt diesen Sachverhalt für eine Injektionsenergie
für verschiedene elektrische Felder wieder. Wird nun ein
Elektron mit
injiziert, so verringert sich die Thermalisierungslänge. Bei
hohen Feldern hat das Elektron bereits nach
die Durchschnittsenergie
angenommen. Vermindert man das Feld, wird diese Länge auf ungefähr
anwachsen.
Eine Untersuchung der Temperaturabhängigkeit ist in den Abbildungen
3.17, 3.18 und 3.20 gegeben. Die totale Streurate
der longitudinalen polar-optischen Phononen ist im Vergleich mit den akustischen
Phononen bei höherer Energie gering. Dabei ist die Streurate nur für den
interessanten Energiebereich bis eingezeichnet. Die Energie, in Abbildung
3.18 festgehalten, hat bei niedrigen Feldstärken eine umso höhere
Energie, je höher die Temperatur ist. Bei niedrigen Feldern überwiegt die
thermische Energie, zusätzlich nehmen noch die polar-optischen Phononen viel
Energie auf. Steigt nun das elektrische Feld, so wird ein Elektron bei niedriger
Kristalltemperatur eine höhere Energie aufweisen, da die Streuraten geringer
sind. Die maximale prozentuelle Abweichung ergibt sich knapp vor dem Einsetzen
der akustischen Phononenstreuung (Abbildung 3.19). Bei
weiterem Anwachsen der Feldstärke wird also aufgrund der höheren Streurate bei
größerer Temperatur eine niedrigere Energie zu erwarten sein. Die
Geschwindigkeit hat für niedrige Energie immer einen kleineren Wert. Es zeigt
sich, daß die relative Abweichung bei geringen elektrischen Feldstärken am
größten ist (Abbildung 3.21), da die thermische Energie den
Hauptbeitrag liefert und somit auch die mittlere Geschwindigkeit unkorreliert
ist.
Die Driftgeschwindigkeit kann durch eine analytische Formel angeschrieben werden. Man unterteilt die Driftgeschwindigkeit als Funktion des elektrischen Feldes in drei Unterbereiche für niedrige, mittlere und hohe Feldstärken. Die Geschwindigkeit wird dann mit den einzelnen Geschwindigkeitsbeiträgen wie folgt
angesetzt. Die einzelnen freien Parameter sind dabei in der folgenden Tabelle aufgelistet:
Die beiden Konstanten und
können als die jeweiligen
Beweglichkeiten im Intervall kleiner und mittlerer Felder aufgefaßt werden. Die
einzelnen Bereiche entsprechen immer einem dominanten Streuprozeß. Im ersten
Intervall sind die polar-optischen Phononen mit einer Energie von
bedeutend, im zweiten kommt der erste Schwingungsmodus hinzu, während im
dritten der Elektronentransport hauptsächlich von den akustischen Phononen
bestimmt wird. Der dritte Parameter
ist ein exponentieller
Gewichtsfaktor. Der negative Schnittpunkt der linearen Funktion
im zweiten Bereich mit der Abszisse wird mit
dargestellt. Der dritte Bereich wird mit einer Curie-Weiss'schen Funktion
angenähert. Dabei entspricht
einem Normierungspunkt und
nahezu der
doppelten Maximalgeschwindigkeit. Die Beweglichkeit ist als Quotient von
Geschwindigkeit und dem elektrischen Feld,
gegeben. In Abbildung 3.22 sind die theoretisch ermittelten Werte mit der
oben angeführten Formel angepaßt. Für sehr kleine Feldstärken muß aber
Materialverunreinigung durch Wasserstoff oder Gitterfehler und
Versetzungen, die sicherlich einen Grenzwert in der Nullfeldbeweglichkeit zur
Folge haben werden, gesondert berücksichtigt werden. Für niedrige elektrische
Felder ist eine Beweglichkeit von gemessen worden [101].
Die Abhängigkeit von der Temperatur kann nun in der Nullfeldbeweglichkeit
, der Beweglichkeit bei mittleren Feldstärken
und
dem Parameter für den Bereich hoher Felder
als Funktion des
Verhältnisses
eingeführt werden,
wobei als Referenztemperatur gewählt wird. Die
Beweglichkeiten
und
sind in
gegeben, die Geschwindigkeit
in
. Der
Gültigkeitsbereich der Temperatur erstreckt sich von
bis
.